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Essen als Kult - Nahrungsaufnahme oder Selbstinszenierung?
01.11.2017
Essen als Kult - Nahrungsaufnahme oder Selbstinszenierung?
"Der Mensch ist, was er isst". Ein Zitat des Philosophen Ludwig Feuerbach aus dem Jahr 1850 hat auch heute mehr denn je Gültigkeit. Für Feuerbach bedeutete Essen und Trinken nicht bloß Nahrungsaufnahme, sondern die Basis alles Geistigen. Unterschiedliche Wertehaltungen zu Ernährung prägen auch unsere Ernährungsstile. Warum definieren sich Menschen zunehmend über die Ernährung? (Foto: ©fotolia/pinkyone)

Einfach nur essen, gilt nicht mehr


Was die Menschen essen bzw. trinken und welche Themen bei der Ernährung im Vorder-grund stehen, ist immer auch Ausdruck politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse und damit gesamtgesellschaftlicher Befindlichkeiten. So war in Österreich die Ernährungssituation in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – nicht zuletzt infolge der beiden Weltkriege – für den Großteil der österreichischen Bevölkerung von Mangel, Hunger und nicht selten der Angst vor dem Verhungern geprägt. Nahrung war immer knapp und unsicher. Mehr Essen und Trinken zu haben, war Zeichen von Wohlstand. Im Laufe der 1950er Jahre traten Mangel und Hunger zunehmend in den Hintergrund. Ernährungsfragen wurden nun immer mehr mit Problemen des Überflusses verknüpft. Somit änderte sich die Wertigkeit von Essen und Trinken und der Fokus verlagerte sich zunehmend auf den Inhalt und die Nährstoffzusammensetzung von Lebensmitteln.

Von Low-fat über "Frei von..." bis hin zu Veganismus


Je mehr Energiedichte und Herkunft von Lebensmitteln in den Fokus treten, desto mehr Ernährungsformen entstanden. Es existieren heute eine Reihe unterschiedlichster Ernährungsstile. Das reicht von den klassischen Diäten wie Hay‘sche Trennkost (Proteine und Kohlenhydrate werden getrennt aufgenommen), low-fat, low carb, Paleo (Ernährungsform, die sich an der vermuteten Ernährung der Steinzeit orientier), "Frei von..."-Lebensmitteln (Gluten, Zucker, Laktose) bis hin zu Vegetarismus und Veganismus. Warum ist das so?

Raum für Veränderung


Es gibt Dinge, die man kurzfristig nur schwer oder gar nicht ändern kann. Die Frage wie ich wohne oder woran ich glaube, kann ich nicht so schnell verändern wie Dinge, die ich konsumiere. Der Gastrosoph und Philosoph Harald Lemke hat gesagt, dass Essen und Trinken eine der großen Wahlfreiheiten unserer Zeit sind. Die Frage, was und wie viel ich esse, trägt stark zur Identitätsstiftung bei. Über Essen kann ich mich selbst definieren und eine gewisse Haltung gegenüber Lebensmitteln zeigen, mich zugehörig fühlen und zugleich von anderen abheben und mich abgrenzen. Ernährung wird vielfach als Möglichkeit zur Selbstoptimierung gesehen. Aber wie entsteht aus diesem individuellen Ernährungsverhalten ein Trend?

"Digitale Tattoos" (Selbstbild)


Ein Schnappschuss von meinem perfekt arrangierten Teller, der Blog über Veganismus, die Twitter-Gruppe der Paleo-Diät oder meine digitale Abnehmgeschichte. Dabei spielen die sozialen Medien eine wesentliche Rolle, denn all diese Dinge lassen sich auf diesem Weg schnell und gut kommunizieren. Somit eignet sich Essen hervorragend als digitales Tattoo (Selbstbild) und signalisiert somit die Zugehörigkeit zu einer Gruppe – ähnlich wie Markenschuhe oder welches Auto ich fahre. Und Zugehörigkeit vermittelt Sicherheit in einer schwer überschaubaren Welt. Wir erleben einen Verlust von tradierten Ordnungssystemen wie Religion und Familie. Der Mensch ist auf der Suche nach Identität und nach Sinn. Und genau an diesem Punkt kann ein bestimmter Ernährungsstil Struktur, Zugehörigkeit und moralische Vorstellungen widerspiegeln. Auch die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Ernährungsstilen ist gestiegen. Vor Jahren galten Vegetarier noch als Außenseiter. Nun ist bereits der Veganismus ein Hype in unserer Gesellschaft. Und wer beim Essen wählerisch ist, gilt nicht mehr als heikel, sondern bringt seine Individualität zum Ausdruck.

Fazit:


Das Thema Essen ist in vielen Bereichen des Alltags zu finden und ist oft auch Ausdruck einer bestimmten Lebensform, fallweise beinahe zu einer Art Religion geworden. Als Ernährungs-wissenschaftlerin kann ich es nur sehr begrüßen, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Essen zusehends mehr an Wichtigkeit gewinnt. Der individuelle Ernährungsstil sollte jedoch nicht gnadenlos idealisiert werden – denn die Grundlagen einer ausgewogenen, gesunden Ernährung sowie der Genuss beim Essen sollen weiterhin im Fokus bleiben.

Wenn Sie sich näher mit dem Thema Bitterstoffe auseinandersetzen möchten, empfehlen wir Ihnen folgende Website:
http://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Essen-als-Statussymbol

Wenn Sie Fragen, Wünsche, Anregungen oder Tipps haben, steht Ihnen auch das Kornspitz-Team gerne zur Verfügung. Schreiben Sie ein Mail an marketing@kornspitz.com.

Mag. Gerda Reimann-Dorninger
Ernährungswissenschaftlerin

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