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Ernährungstipp: Gender-Aspekte in der Ernährung
02.3.2011
Was bedeutet der Begriff „Gender“ und wie kommt es zu der unterschiedlichen Auswahl von Lebensmitteln bei Frauen und Männern. Liegt es nur an körperlichen Unterschieden, an differenzierten Geschmackswahrnehmungen oder hat es einen vorwiegend soziokulturellen Hintergrund?

Was bedeutet Gender?


Gender ist ein gesellschaftliches Konstrukt (Zuschreibungen), welches zur Beschreibung der Ausprägungen der Geschlechterrollen verwendet wird. Die Merkmale der Geschlechterrollen sind vielfältiger als die des biologischen Geschlechts und der betreffenden Verhaltensweisen, psychischen Komponenten, Einstellungen, Lebensweisen und vieles mehr. Die Ausprägungen von Geschlechterrollen werden über die Sozialisation vermittelt und von sozialen, kulturellen und historischen Gegebenheiten beeinflusst. Dies bedeutet, dass Geschlecht weniger etwas darstellt, was ein Mensch ist, sondern eher etwas, was ein Mensch tut. Dennoch erfolgt auch die Zuordnung von Gender-Merkmalen entweder einer weiblichen oder männlichen Ausprägung – analog dem biologischen Geschlecht.

Geschlechterrollen in der Industriegesellschaft


Frauen verarbeiteten Nahrungsmittel, die Männer nach Hause brachten. Sie veredelten diese, kochten täglich und immer frisch. Sie hatten das Ernährungswissen und gaben dieses an ihre Kinder und Enkelkinder weiter. Aufgabe der Frau war (und ist), darauf zu achten, dass es dem Herrn des Hauses gut geht – ebenso den Kindern. Die Mahlzeiten orientier(t)en sich nach den Vorlieben der Männer – und dies sind einfach häufig Fleischspeisen. Alleinlebende Frauen kochen häufiger Speisen mit höherem Getreide- und Gemüseanteil.
Das Aufbrechen der Geschlechterrollen passierte nicht erst in den 68igern des 20. Jahrhunderts. In Kriegszeiten arbeiteten Frauen in Fabriken, am Bau und waren gleichzeitig für das Funktionieren aller haushälterischen Tätigkeiten zuständig.
In den 69igern wurde es dann „in“, dass auch Männer sich mehr und mehr um die Pflege, Erziehung und Versorgung ihrer Kinder annahmen. Männer begannen sich immer häufiger in der Küche einzubringen (meist jedoch nach dem Lustprinzip). Junge Frauen entscheiden sich eher für die Karriere als für Kind und Küche.
Und trotzdem tätigen heute Frauen bis zu 90 % aller Haushaltseinkäufe. Männer kommen in der Produktansprache außerdem kaum vor.

Grundlagen der Gender-Ernährung


Gerade Fleisch gilt als ein Symbol von Macht, Kraft und Stärke, wie kulturwissenschaftliche Studien gezeigt haben. Fleisch ist schon wegen dieser symbolischen Bedeutung ein Differenzierungsmerkmal hinsichtlich gesellschaftlicher Stellung. Weil Fleisch im Laufe der menschlichen Entwicklung, spätestens seit dem Übergang zur Sesshaftigkeit, rarer auf den Speiseplänen geworden war und es auch lange blieb, stand es als Ausdruck einer befriedigenden, einer richtigen Mahlzeit. Seitdem Fleisch wieder für weitere Bevölkerungsteile erreichbar ist, differenzieren sich Fleischsorten als rotes und weißes Fleisch mit entsprechend unterschiedlichen Wertschätzungen. Eine kleinere Fleischportion im Restaurant wird oftmals auch als „Lady-Steak“ tituliert.
Hingegen werden Lebensmittel wie Obst und Gemüse eher der weiblichen Seite zugeteilt und gelten eher als „schwache“ Nahrung.
Fleisch und Alkohol als „starke“ Nahrung aber entspricht dem Männlichen.
Dies zeigt, wie sehr mittels Essen Geschlechterrollen zum Ausdruck gebracht werden.

Ernährungsbedingte Krankheiten bei Mann und Frau


Hochkalorische Ernährung und Bewegungsmangel führen zu chronischen Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes und Organverfettung mit schweren Folgeschäden. Adipositas und Diabetes sind Erkrankungen, die weltweit stark ansteigen und enorme Gesundheitskosten durch Folgeerkrankungen bei Mann und Frau verursachen. Sowohl biologische Unterschiede, wie auch psychosoziale Faktoren, Stress und Bildung sind in der Entstehung und im Krankheitsverlauf wesentlich.
Neben den unterschiedlichen Formen der Fettverteilung finden sich zum Teil auch Unterschiede in den mit Übergewicht assoziierten Komplikationen. Eine besondere Herausforderung in der medizinischen Betreuung stellt weiters die Zunahme von Übergewicht in der Schwangerschaft dar, was neben dem erhöhten Schwangerschaftsrisiko zusätzlich mit Langzeitfolgen bei den Kindern verbunden sein kann.
Außerdem ist bei Frauen das Risiko für Stoffwechselerkrankungen besonders eng mit einer Gewichtszunahme verbunden. In weiterer Folge kommt es dann zur Zunahme von Mikro-entzündungsprozessen im Körper. Bei Frauen ist im Alter auch Adipositas ein größeres Problem als bei Männern, weil sie sich in höherem Alter weniger bewegen.

Was schmeckt Jugendlichen?


Wurstsemmel und Eistee sind die Renner am Schulbuffet. Warum? Weil sie gut platziert werden und gesunde Alternativen oftmals fehlen.
Eine Analyse von Speiseplänen sowie Buffetangeboten an sechs Internatsschulen in Ostösterreich zeigte: In Schulen, an denen vorwiegend Burschen verpflegt werden, lag das Gemüseangebot weit unter der empfohlenen Menge bzw. Häufigkeit. Fleisch und Wurst wurde in viel größerer Frequenz und Menge als empfohlen angeboten. Fisch gab es vorwiegend in Fett gebacken. Vollkornprodukte wurden gar nicht oder sehr selten angeboten.
An den Schulen mit Mädchendominanz wurde wesentlich häufiger Gemüse gereicht, Fisch kam auch unpaniert auf den Teller. Vollkornprodukte wurden angeboten. Fleisch und Frittiertes gab es seltener als an Schulen mit Burschenschwerpunkt.
An allen mädchendominierten Schulen wurden Bio-Produkte und einzelne fair gehandelte Produkte angeboten. An den burschendominierten Schulstandorten gab es keine fair gehandelten Produkte und Bio nur vereinzelt im Angebot.
Aber wie kommt es zu den verschiedenen Vorlieben der Geschlechter bei der Auswahl von Lebensmitteln? Was und in welcher Menge Kinder und Jugendliche essen, hat vielschichtige Gründe. Je nach Alter werden Verzehrsgewohnheiten und Geschmackspräferenzen in den Familien und später durch Kindergarten und Schule geprägt. Ernährungsstile sind ebenso wie etwa Kleidung und Hobbys ein wichtiges Instrument bei der Entwicklung von Geschlechtsidentität.Mädchen und Burschen haben sehr genaue Vorstellungen, welche Speisen eher für Frauen und welche für Männer passend und geeignet sind.
Süßigkeiten, Eier, Pizza, Mineralwasser, Nudeln und Mehlspeisen wurden von Mädchen und Burschen als „unisex“ eingestuft. Geflügelgerichte, Ethnofood, gemüsereiche bzw. vegetarische Speisen, Tofu, Vollkorn, Lightprodukte und Joghurt wurden hingegen eindeutig den Mädchen zugeordnet. Fleischgerichte, insbesondere Rindfleisch oder Kebab, wurden dagegen höchst signifikant als eher für Burschen attraktiv eingestuft. Anzustreben ist ein Verpflegungsangebot, das für Mädchen und Burschen gute Voraussetzungen schafft, ihre Ernährungsbedürfnisse zu befriedigen und bestmögliche Gesundheit zu erhalten. Um auch Mädchen und Burschen mit Gesundheitsthemen erfolgreich zu erreichen, spielt die geschlechtersensible Gesundheitskommunikation eine zentrale Rolle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt für Schüler ist die Mitbestimmung bei der Schulverpflegung.

In diesem Sinn ist festzuhalten: Essen macht Geschlecht, denn mittels Essen werden Geschlechterrollen zum Ausdruck gebracht.


Wenn Sie sich näher mit dem Thema Genderaspekte in der Schulverpflegung beschäftigen wollen, empfehlen wir Ihnen diesmal die Website www.umweltbildung.at/cms/download/1354.pdf

Allgemeine Informationen zu „Gender in der Ernährung“ finden Sie unter www.was-esse-ich.de/uploads/media/NVSII_Abschlussbericht_Teil_2.pdf

Wenn Sie Fragen, Wünsche, Anregungen oder Tipps haben, steht Ihnen auch das Kornspitz®-Team gerne zur Verfügung. Schreiben Sie ein Mail an info@kornspitz.com


Mag. Gerda Reimann-Dorninger
Ernährungswissenschafterin

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